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Vom Zettelkasten bis Wikipedia – eine Genealogie des Vergessens?

Was würde Niklas Luhmann heute machen? Der Soziologe, der vor allem mit seiner Systemtheorie bekannt wurde, hatte auch ein spezielles Arbeitsutensil: seinen berühmten Zettelkasten. In diesem sammelte er sämtliche Gedanken, mit denen er seine Bücher schrieb.

Aber ein Zettelkasten mit vergilbtem Papier, in dem womöglich einzelne Zettel verloren gehen könnten, scheint heute nicht mehr zeitgemäß. Würde der Soziologe vielleicht eine überdimensionierte Mind-Map malen, die künstlerisch einzelne Elemente miteinander verknüoft, oder würde er abertausende virtuelle Notizzettel auf seinem Computerdesktop verteilen, auf denen er seine Gedanken verewigen würde? Verewigen? Der nächste Computerabsturz würde das Werk ohnehin vernichten, wenn keine Sicherungskopie existiert. Dann doch lieber auf moderne Weise Kommentare bei Facebook posten, sodass sie für die Ewigkeit konserviert werden. Dort bleibt das Wissen dauerhaft erhalten, irgendwo in den Untiefen der enormen Speicherkapazität.

Daran hatten viele Eltern wohl nicht gedacht, als sie Fotos ihres Nachwuchses stolz anderen Facebooknutzern zeigten. Nicht daran gedacht, dass die eigenen Kinder 20 Jahre später peinlich berührt ihre Fotos bei Facebook wieder finden und es dann alles andere als süß und knuddelig ist, sich selbst Daumen nuckelnd zu sehen. Facebook vergisst nicht! In einem SPIEGEL-Artikel wird auf eine Initiative hingewiesen, die davor warnt, Kinderfotos zu veröffentlichen oder gar eigene Profilen für die ganz Kleinen zu erstellen. Nur wer für sich selbst sprechen könne, dürfe auch bei Facebook sein.

Wie wäre es mit einem Profil für Niklas Luhmann? Pardon, das existiert ja schon – und nicht nur einmal. Er wird Facebook also immer erhalten bleiben und „Likes“ sammeln können. Dort hätte er heute seine Gedankensammlung archivieren können, um vielleicht eine digitale Gesellschaftstheorie zu entwickeln. Die Nachwelt würde es ihm danken, weil via Google die Ideen gefunden werden könnten. Kein lästiges Suchen in den Schubladen und auch kein Risiko, dass ein Zettel verloren gehen könnte. Wie treffend er beschrieben hat, dass ein falsch einsortiertes Blatt nur durch Zufall wiedergefunden werden könne – und eine zufällige Gesellschaftstheorie scheint so unerwünscht willkürlich. Ein Hoch auf die Suchfunktionen im Internet! Und wer tatsächlich mal vergessen haben sollte, was an der ein oder anderen Stelle gemeint war, schaut eben bei Wikipedia nach. So geht es doch, oder? Ich muss mir nicht mehr alles merken, sondern nur noch wissen, wo etwas steht. Dieses Phänomen hat bereits Betsy Sparrow erforscht: Google ersetzt das mühselige Auswendiglernen, denn das Gehirn wird faul, wenn die Daten gespeichert werden. Und eine kurze Internetrecherche mit dem Smartphone bringt ohnehin die gewünschte Information.

Wikipedia und Co. denken für mich und der Rest steht im Notizbuch oder auf dem Klebezettel am Kühlschrank. Das, was mein Gehirn nicht mehr speichern kann, wird einfach irgendwo niedergeschrieben. Luhmann hat aus seinen Zetteln viele Bücher schreiben können – ich bin froh, wenn ich dank des Einkaufszettels nichts vergesse.

Aber so ganz scheinen die digitalen Formate den Mythos Zettelkasten nicht abzulösen. Es hat sich nun einmal bewährt, Dinge aufzuschreiben, um sie einerseits vergessen zu können und um sie andererseits nicht zu vergessen. Ordnung ist dabei die Lösung und für den fortschrittlichen Denker gibt es die passende App, um getrost zur guten altern Manier des Zettelkastens zurückzukehren.

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One thought on “Vom Zettelkasten bis Wikipedia – eine Genealogie des Vergessens?

  1. Great piece, Lisa. This makes me think of two things: 1/ you would appreciate Urs Gasser and John Palfrey’s discussion of digital natives and how they relate to older generations who have made them that way, starting with the archived photo of their sonograms and 2/ Garrison Keillor’s story of how he lost a case of his best written works while traveling by train has compelled many an idea former about losing sheets of paper. If we rely too much on technology to organize our thoughts, will we become the next lost case?

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